Bleib
- chiarasue

- 8. Apr. 2020
- 6 Min. Lesezeit
Es folgt eine Kurzgeschichte, die ich erst vor kurzem geschrieben habe. Ich hoffe, sie gefällt dir :)
Bleib
Meine Gedanken trommeln in meinem Kopf. Im Takt meiner Fingerspitzen auf meinem Oberschenkel. Ich will sie verscheuchen. Ich will mich ganz auf dich konzentrieren, doch ich schaffe es einfach nicht. Das Klopfen in meinem Hinterkopf ist zu laut. Wie ein hin- und herhüpfender Ball. Was wirst du tun? Ping. Wirst du es ihm sagen? Pong. Dann verlässt er dich. Ping. Du wirst nie glücklich werden. Pong. Oder er findet es auf eine andere Weise heraus. Ping. Du wirst deine Beziehung auf eine Lüge bauen. Pong. Dein Leben ist selbst eine einzige Lüge. Ping.
„Alles in Ordnung?“, willst du plötzlich mit gerunzelter Stirn wissen. Augenblicklich frage ich mich, ob du mich für verrückt hältst. Oder ob du dich tatsächlich um mich sorgst.
„Ja, tut mir leid. Meine Gedanken waren wieder einmal woanders“, erkläre ich beschwichtigend. Ich versuche, ein Lächeln auf meine Lippen zu zwingen.
Du musterst mich für einen Moment. Dein Blick wirkt misstrauisch und interessiert zugleich. Als ob du so etwas wie mich noch nie gesehen hättest.
Ich spüre, wie mir die Farbe ins Gesicht schießt. Schnell greife ich nach der Speisekarte, obwohl ich schon längst entschieden habe, was ich essen werde. Deine Augen ruhen weiterhin auf mir.
Du hast eine andere Art zu schauen. Wenn dein Blick jemanden streift, dann ist das kein beiläufiger Akt. Jede deiner Handlungen scheint bewusst zu sein. Ich bin noch nie jemandem begegnet, der seinen Körper so unter Kontrolle hat wie du. Und das von Anfang an.
Zum ersten Mal deinen Blick gespürt habe ich vor zwei Tagen. Ich war im Sportgeschäft und habe wie hypnotisiert die Wand mit den Tischtennisschlägern angestarrt. Eigentlich habe ich mir neue Laufschuhe kaufen wollen, aber die Tischtennisschläger haben mich nicht mehr losgelassen. Da habe ich plötzlich ein warmes Prickeln auf der rechten Wange wahrgenommen. Es hat einen Moment gedauert, bis ich mich losgerissen habe, um den Ursprung des unbekannten Gefühls zu finden. Und dann bist da du gestanden und hast mich angeschaut.
„Das waren die alten Zeiten, hm?“, hast du leise gesagt und mir zugezwinkert.
Du hast ja keine Ahnung, wie sehr du mich damit getroffen hast. Normalerweise hätten sich nun Tränen in meinen Augen gesammelt, ich wäre zu Boden gesunken und für mindestens eine Stunde nicht mehr ansprechbar gewesen. Aber irgendetwas an dir hat mich aufrecht gehalten. Ich habe dich angesehen und wie zuvor von den Tischtennisschlägern habe ich mich jetzt nicht mehr von deinen Augen lösen können.
„Wo kommst du her?“, fragst du und lächelst über meine Panne hinwegsehend, als ich die Speisekarte endlich wieder zugeklappt und wir bestellt haben.
„Von hier“, erwidere ich automatisch. Es stimmt nicht. Aber diese Lüge ist inzwischen für mich zur Wahrheit geworden. „Und du?“
„Von hier und da“, entgegnest du grinsend. Ein Schmunzeln entwischt mir und ich schaffe es, einmal tief durchzuatmen. Du stellst mir weiterhin Fragen und langsam entwickelt sich zu meiner fortschreitenden Erleichterung ein Gespräch. Eigentlich mag ich keinen Smalltalk. Deshalb auch keine Dates. Beides in Kombination wirkt oberflächlich und zugespitzt höflich. Mit dir fühlt es sich anders an. Wichtig. Wir führen also Smalltalk, der keiner ist, während du deine Bärlauchsuppe löffelst und ich meinen Kaiserschmarrn esse. Ich trinke den Rotwein, den du bestellt hast, obwohl ich eigentlich gar keinen Wein mag. Du erzählst von deiner Vorliebe für Beethoven und ich frage mich, wie lange es dauern wird, bevor du vor mir fliehst.
„Lass uns essen gehen“, hast du dann gesagt. Einfach so.
Ich habe genickt. Einfach so.
Dann hast du meinen Arm genommen und deine Nummer draufgeschrieben, als wäre es das Normalste auf der Welt.
„Samstagabend um 7? Im Lilienhotel? Was sagst du?“
Nichts habe ich gesagt. Angeschaut habe ich dich. Zum Glück hast du nicht Freitag gesagt. Du hast gelächelt, gezahlt und bist gegangen. Ich bin da gestanden mit deiner Nummer auf dem Arm und habe das Geschäft verlassen, ohne die Tischtennisschläger weiter zu beachten.
Daheim unter der Dusche habe ich mir fest vorgenommen, dir eine Chance zu geben. Und sie mir nicht zu vermasseln. Ich habe mir für Samstagabend extra ein neues Kleid gekauft. Weinrot mit Spagettiträgern und einem knielangen Rock. Meine Haare habe ich zu einem Pferdeschwanz gebunden, damit sie nicht so unordentlich aussehen. Ich habe passenden Lippenstift aufgetragen und die hohen Schuhe aus dem Schrank geräumt. Dann habe ich in den Spiegel geschaut und mich selbst nicht wiedererkannt. Am liebsten hätte ich das Kleid in Fetzen gerissen und die ganze Farbe von mir heruntergewaschen. Ich habe mich an mein Versprechen an mich selbst erinnert, bin zur Tür hinausgegangen und zum Lilienhotel gefahren.
„Du bist wunderschön“, hast du gesagt, als du mich gesehen hast.
Du zahlst, obwohl ich mich dagegen gewehrt habe. Wie ein Gentleman aus einem Film hilfst du mir, meine Jacke anzuziehen und fragst, ob du mich nach Hause bringen darfst. Automatisch will ich verneinen, doch da ist etwas in meinem Bauch, was mich davon abhält. Ich will noch nicht, dass der Abend mit dir vorbei ist. Du siehst mich erwartungsvoll an. Dein Blick sagt mir, dass du mir keinen Druck machen willst. Ich nicke.
Wir steigen beide in den Bus und du legst wie selbstverständlich eine Hand um meine Taille. Überrascht lasse ich die Wärme, die meinen Rücken umfängt, zu. Widerwillig gestehe ich mir ein, dass ich das vermisst habe. Nähe.
Mein Kopf warnt mich, dass ich es bald wieder vermissen werde. Dass ich dich vermissen werde.
Tischtennis war unser Ding. Wir haben es jeden Tag gespielt. Laufend im Kreis, zwei gegen zwei oder ein richtiges Duell. Papa hat immer gesagt, wir würden Weltmeister werden. Mein Bruder und ich. Oft haben wir stundenlang in die Nacht hineingespielt. Mit Flutlichtanlage und Stirnlampen. Bis uns Mama ins Bett gescheucht hat.
Der alte Tischtennistisch steht jetzt im Keller von Oma und Opa. Verstaubt unter einer Decke. Doch es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke.
Wir kommen vor meinem Haus an und du löst deinen Arm langsam von mir. Eisig durchdringt ein Windstoß den dünnen Stoff meiner Jacke. Ich versuche, mir das Zittern meiner Hände nicht anmerken zu lassen. Es ist nicht die Kälte, die sie bewegt.
„Danke“, sagst du, „Es ist sehr schön mit dir.“
Und wieder siehst du mich an und für einen Moment glaube ich, dass es tatsächlich möglich sein könnte. Dass du derjenige sein könntest, der bleibt.
Es war nicht geplant gewesen. Ich bin nur hinter dem Steuer gesessen, weil Mama und Papa sich vom Kellner noch zu einem Schuss Schnaps überreden lassen haben. Es war dunkel und ich überdreht gewesen. Laute Musik war durch das Fahrzeug gedröhnt. Mein Bruder und Papa haben laut mitgegrölt. Mama hat gelacht. Ich auch. Ich habe die Kurve zu schnell genommen. Es war nicht geplant gewesen.
Du kommst näher und alles in mir schreit danach, mich an dich zu lehnen. Jemanden wie dich habe ich noch nie getroffen. Vielleicht ist jetzt meine einzige Chance. Vielleicht bist du mein letzter Weg ins Glück.
Das Gericht hat mich freigesprochen. Niemand von ihnen hatte verantworten wollen, ein siebzehnjähriges Mädchen ins Gefängnis zu schicken.
Dein Gesicht ist nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt. In deinen Augen sehe ich, dass du es genauso willst wie ich. Ich stelle mir vor, wie es wäre. Deine Lippen auf meinen und der Rest der Welt verschwunden. Ich glaube, dass du es schaffen könntest, mich zu retten. Und doch weiß ich, dass ich es nicht zulassen werde.
Noch heute besuche ich jeden Freitagabend ihre Gräber und denke, dass das nicht fair ist. Dass ich bei ihnen liegen sollte.
„Ich bin eine Mörderin“, stoße ich leise hervor. Einen Moment, bevor sich unsere Lippen berührt hätten.
Schweigend musterst du mich. Meine Augen fahren suchend über dein Gesicht, suchen nach einem Anhaltspunkt, etwas, das mich nicht fallen lassen wird.
„Ich auch“, sagst du schließlich.
Ich trete ruckartig einen Schritt zurück. Ist das dein Ernst? Ich weiß nicht, ob du dich nur über mich lustig machen möchtest.
„Ich habe meinen Stiefvater erschossen, weil er meine Mutter beinahe zu Tode geprügelt hat. Ich habe sie retten wollen. Und bin dabei zu weit gegangen“, fährst du fort und wendest deinen Blick nicht von mir. Du durchdringst mich wie eine gläserne Wand und ich muss mich an den Zaun vor meinem Haus lehnen, um nicht umzufallen. Du gibst mir Zeit. Doch deine Augen bleiben an mir hängen.
„Wie kannst du damit leben?“, frage ich schließlich und hoffe auf eine Antwort, nach der ich schon viel zu lange suche.
Du schweigst eine Weile, bevor du erwiderst: „Ich habe es akzeptiert.“
Ich bewundere dich. Dafür, dass du mir gezeigt hast, dass man sich verzeihen muss, damit die Schuld eines Tages aufhört, einen zu erdrücken. Ich habe dir meine Geschichte erzählt und du bist geblieben. Und ich bin bei dir geblieben.
„Du magst keinen Rotwein. Hör auf, eine Lüge zu leben“, hast du damals zu mir gesagt, mich in den Arm genommen, meinen Zopf gelöst und mir das von Tränen zerronnene Makeup aus dem Gesicht gewischt. Dann hast du mich geküsst und gesagt: „Lass uns zusammen morgen Tischtennis spielen.“
Danke für's Lesen! Für Gedanken oder Fragen zur Geschichte findest du in den Kommentaren Platz. Ich würde mich über Rückmeldungen sehr freuen :)
Bis Sonntag!




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