Der eigene Schreibstil
- chiarasue

- 26. Apr. 2020
- 3 Min. Lesezeit
Jeder hat seinen ganz persönlichen Schreibstil - und damit meine ich nicht, ob die Handschrift schnörkelig oder schnurgerade ist. Genauso wie die Handschrift hat aber auch jeder einen einzigartigen Schreibstil, wobei ich zugeben muss, dass es sehr viel schwieriger ist, Schreibstile als Unterschriften zuzuordnen. Immerhin verändert sich der Schreibstil ja auch. Bei mir hängt er zudem noch davon ab, welchen Text ich schreibe.
Manche Schreibstile sind so einzigartig, dass die zugehörigen Schriftsteller auf der ganzen Welt berühmt geworden sind. Natürlich kann man auch versuchen, Schreibstile zu kopieren und hin und wieder gelingt das sogar beinahe perfekt. Andere kann man einfach nicht nachahmen. Für mich wäre solch ein Fall Thomas Bernhard. Ich schreibe zwar auch gerne lange, verschachtelte Sätze, aber Bernhard legt hinsichtlich Komplexität noch eine ordentliche Schippe drauf.
Genauso wenig wie für die perfekten Protagonisten gibt es auch für den perfekten Schreibstil kein Rezept. Ich glaube auch nicht, dass man sich so umstellen kann, dass man für einen längeren Text einen anderen Schreibstil annimmt, der einem nicht gefällt. Natürlich kann man sich zusammenreißen, wenn es um wissenschaftliche Arbeiten geht, aber ich persönlich könnte kein Buch in einem Schreibstil schreiben, der mir nicht gefällt. Deshalb ist logischerweise der Schreibstil meiner Romane auch derjenige, mit dem ich am liebsten lange Texte schreibe. Verändern tut er sich trotzdem. Wenn ich beispielsweise jetzt meinen ersten Roman lese, merke ich deutlich, dass ich jetzt anders schreibe. Allerdings finde ich auch Parallelen und Ähnlichkeiten zu meinen jetzigen Texten. Der eigene Schreibstil hat immer so einen persönlichen Touch, der nie verschwinden wird.
In unserer Literaturgruppe haben wir einmal ein interessantes Experiment gemacht. Jeder musste ein Essay zu einem bestimmten Thema schreiben. Anschließend wurden die Texte durchnummeriert und in der Klasse aufgelegt. Jeder hat fast jeden gelesen und musste raten, wer der Urheber wahr. Etwa die Hälfte der Texte konnte erraten werden, es gab aber auch einige Überraschungen. Da hört man seit drei Jahren Texte von denselben Leuten und kann noch immer nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, wer welchen Essay geschrieben hat. In dieser Hinsicht ist der Schreibstil schon auch faszinierend. Oft ähnlich, aber manchmal auch für eine Überraschung gut.
Bei mir ist es zusätzlich so, dass der Schreibstil von meiner Stimmung abhängt. Wenn ich wütend oder traurig bin, schreibe ich ganz anders, als wenn ich gerade gut drauf bin. Ironischerweise schreibe ich aus meiner Sicht oft besser, wenn meine Stimmung gerade eher unter dem Durchschnittspunkt liegt. Das trifft allerdings auch nicht immer zu. Mein Schreibstil hat anscheinend genauso schlimme Stimmungsschwankungen wie ich.
Ein weiterer Faktor, der meinen Schreibstil extrem beeinflusst, ist meine aktuelle Lektüre. Je nachdem was ich gerade lese und wie es mir gefällt, kommen mir Sätze im Schreibstil des betreffenden Buchs in den Sinn. Ein Beispiel: Ich habe vor kurzem einen Kurzgeschichtenband von Karen Köhler gelesen. Täglich habe ich neue Ideen zu Kurzgeschichten. Diese Ideen tauchen oft in Form von Sätzen auf, die an ihren Schreibstil erinnern. Fast wie Bienen, die unaufhörlich um meinen Kopf schwirren und hin und wieder einen Einfall summen. Auch die Kurzgeschichte "Bleib", die ich vor ein paar Wochen hochgeladen habe, ist von Köhlers Schreibstil inspiriert.
Es ist doch irgendwie faszinierend, wie man andere Schreibstile ausprobieren kann, oder? Ich stelle mir das immer in Form eines Kleidungsstücks vor. Jemand vor langer Zeit hat es ursprünglich gewebt. Manchmal wird es kopiert und der neue Besitzer fügt immer ein kleines persönliches Detail hinzu. Ursprünglich war das Kleid zum Beispiel schlicht blau und lang. Jetzt ist es kurz, rot, hat zwei Taschen und Rüschen. So verändern sich auch verschiedene Schreibstile andauernd. Schriftsteller lassen sich von anderen Werken inspirieren und machen etwas Eigenes daraus. Man kann die Kleidungsstücke auch sammeln und jeden Tag wechseln. Jeden Tag ein anderer Hut, jeden Tag ein anderer Schreibstil, aber immer ein persönliches Detail. Es gibt unendliche viele Variationen und man kann die Stücke prima kombinieren. Jeden Tag ein neues Outfit und ein neuer, einzigartiger Text.
Heute trage ich schlichtes Lila und eine schwarze Jogginghose (allerdings nicht zum Joggen, hihi ups). Auf den ersten Blick ziemlich langweilig. Aber dann gibt es noch dieses kleine Loch auf der Vorderseite, die silberne Kette mit dem schwarzen Lederband und die bunte Unterwäsche...Mal schauen, was daraus wird.
Vielleicht könnt ihr ja nächsten Mittwoch das Ergebnis lesen. Ich wünsche euch bis dahin eine schöne Zeit!




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