Der Geschichtensucher
- chiarasue

- 19. Apr. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Heute gibt's mal wieder eine Geschichte von mir. Ich hoffe, sie gefällt dir :)
Der Geschichtensucher
Niemand erinnert sich an den Geschichtensucher. Warum? Ich werde es euch erzählen:
Alles begann vor langer Zeit an einem Ort, der nicht mehr gefunden werden kann. Dort wanderte ein Mann. Er war weithin bekannt für seine Heldentaten, die ihn seit seinen jungen Jahren auf Schritt und Tritt begleiteten. Er war ein guter Mann, der nichts wollte, als einfach sein Leben in Frieden zu Ende zu leben. Der Mann war voll von Geschichten, Erzählungen und Erfahrungen. Er berichtete gerne von seinem Leben und all den mysteriösen, lustigen und geheimnisvollen Dingen, die ihm widerfahren waren. Doch er hütete sich, zu viel zu erzählen. Er wusste, dass es gefährlich war, zu viel zu wissen. Niemand sollte erfahren, wer er war und so verweilte er nie lange an einem Ort. Die Menschen flüsterten über das, was er preisgegeben hatte und verwandelten seine Taten in andere, während das, wovor der Mann flüchtete, seine Spur aufnahm. Es konnte nicht anders, als dem verheißungsvollen Duft der vielen Abenteuer zu folgen.
Sie trafen an jenem Ort zusammen. Der eine voller Drang, zu dem zu werden, was er sein würde, ohne zu wissen, dass er sich später dafür verfluchen würde, der andere mit Tränen in den Augen, voll von Geschichten der ganzen Welt, wohl wissend, was ihm blühte und was alles für Konsequenzen haben würde. Er brach zusammen, schluchzte und zerbrach. Die Wörter in ihm bäumten sich auf, wollten nicht mehr verweilen, wo sie viele Jahre lang festgehalten worden waren. Sie lechzten nach Freiheit und so befreiten sie sich aus dem Kopf des alten Mannes. Sie ließen ihn zurück, als Hülle seiner selbst und eilten zu dem einen, der bereits auf sie wartete, sie seit Ewigkeiten suchte, ohne zu wissen, dass er es tat. Die Augen des alten Mannes wurden leer. Plötzlich lachte er, stand auf und betrachtete den einen, ohne ihn wieder zu erkennen. Doch erschien er ihm unheimlich, mit den dunkel glitzernden Augen, die zum ersten Mal gekostet hatten, wonach sie für die Ewigkeit gieren würden. Also verließ der alte Mann den Ort, friedlich, wie er es immer gewollt hatte. Die Geschichten jedoch hatten ihn verlassen. Er wusste nicht mehr, was er getan hatte, wer er war oder warum er nichts mehr wusste, denn seine Erinnerungen waren ihm gestohlen worden.
Und der Dieb bewahrte sie sicher in seiner Tasche. Er genoss es, den leise säuselnden Wörtern der vielen Legenden zu lauschen. Nichts anderes tat er, als zuzuhören. Doch bald kannte er sie auswendig. Satz für Satz konnte er sprechen und es wurde ihm langweilig. So machte er sich auf die Suche. Nach weiteren Geschichten, die er sich zu eigen machen konnte. Er wurde fündig. Immer mehr Menschen verloren ihre Texte, ihre Erinnerungen, ihre Geschichte. Das glaubten sie zumindest. Doch sie verloren sie nicht. Nein, er holte sie sich. Nie konnte er genug bekommen von all den Erzählungen, von all diesen Leben, die er noch nicht kannte. Alles wollte er wissen. Alles, was je passiert war, erfahren.
Nachts schlich er durch die Gassen der Städte und sammelte Geschichten in seiner Tasche. Er schlüpfte durch Fenster und kauerte neben Betten und stahl, leise und unbemerkt, die Träume der Menschen. Auch sie mochte er. Ihnen waren keine Grenzen gesetzt im Gegensatz zu den abhängigen Geschichten der Realität. So begnügte er sich vorerst mit Träumen, die den Menschen selten abgingen.
Schon bald füllte sich seine Tasche und er begann, die Geschichten in seinen Umhang zu weben. Er hängte sie sich um den Hals gleich einer Kette und flocht sie in sein Haar, dass sie ihm von dort ihre verlockenden Worte ins Ohr flüstern konnten. Doch auch, als er fast keine Geschichten mehr tragen konnte, wurde er nie satt. Es befriedigte ihn nicht mehr, nur nachts nach Träumen zu suchen. Er wollte mehr.
Also ging er nun auch tagsüber auf die Jagd. Wenn Leute sich wegdrehten, griff er schnell nach ihren Gedanken und dann hatte er sie, verschlang sie schnell, bevor sie ihm entwischen konnten.
Er verfolgte die Menschen, doch sie sahen ihn nie. Er war ein geschickter Dieb und er wurde immer besser. Bald bemerkten die Menschen nicht einmal mehr, wenn er die Geschichten aus ihren Köpfen pflückte. Und er hinterließ keine Spur, gab keinen Anhaltspunkt, dass er hier gewesen sein könnte.
Er ist wie ein Schatten. Ein Schatten, der einen hinterrücks beklaut, ohne dass man vermisst, was einem einst gehörte.
Wie ein Wirbelsturm fegt der Geschichtensucher durch die Straßen und trägt alle Geschichten mit sich fort, verbirgt sie an einem gut geschützten Ort, den niemand je erreichen wird. Manchmal kann man ihn spüren. Wie ein leichter Windhauch streift er deine Wange und deine Gedanken verlassen dich und fliegen mit ihm hinfort. Du wirst ihn nie sehen, schon viel zu lange bestiehlt er die Welt und wacht über seinen Schatz. Seine Sucht nach Worten wird ihn nie ruhen lassen, nie, wie weit seine Geschichten auch wachsen, übereinander fallen, weil ihnen der Platz fehlt oder sich gegenseitig verdrängen, er wird nie aufhören, nach Geschichten zu suchen, weil die Menschen nie aufhören werden, sie zu erfinden, zu denken und zu träumen.
Ursprünglich befreite er nur einen von seinen Erinnerungen, doch dann wurde er allgegenwärtig. Es gibt keinen Tag, an dem dich der Geschichtensucher nicht findet. Möglicherweise kennst du ihn unter einem anderen Namen. Einem Pseudonym der Menschen, das sie erfanden, um der Leere in ihrem Kopf einen Namen zu geben: Das Vergessen.




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