Der Spieß ist grün
- chiarasue

- 13. Dez. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Kennt ihr dieses Zwicken? Dieses nervtötende Zwicken in eurem Hinterkopf, das euch einflüstert, dass ihr etwas falsch gemacht habt? Und dann tritt es meist in unschlagbarer Kombination mit einem dicken Knoten im Bauch auf, der grummelnd protestiert. Zäh und klebrig rollt er sich zusammen und speit Wörter aus dem Mund, die man so eigentlich gar nicht meint. Trotz und Schuld. Unweigerlich verbunden durch eine Ursache: Kritik.
Ich behaupte immer gerne von mir, dass ich ein Mensch bin, der gut mit Kritik umgehen kann. Die traurige Wahrheit ist allerdings: Ich kann es nicht. Null. Ich denke zwar immer brav: „Das ist nur ein konstruktiver Vorschlag und nicht persönlich gemeint. Das ist zur Hilfe gedacht.“ Was mein Bauch aber im Endeffekt versteht ist: „Der findet dich blöd! Was nimmt er sich heraus, dich zu beleidigen?“ Die Reaktion: Geschütze auffahren und bereitmachen zur Verteidigung.
Was mein Mund schließlich preisgibt: „Ja, aber….“ Wie gerne könnte ich mir dieses „aber“ verkneifen! Ich wünschte, ich hätte die Fähigkeit, Kritik zu schlucken und mir zu Herzen zu nehmen. Ich versuch es wirklich. Ehrlich. Ich arbeite täglich daran, mich zu überzeugen, dass ich nie perfekt sein werde und dass es Menschen gibt, die Dinge anders sehen als ich.
Das ist für meinen Körper allerdings nicht so einfach zu verstehen. Nehmen wir ein ganz realistisches Beispiel an: Ich soll für meine Lehrerin ein Lebkuchenhaus bauen. Ich backe also Lebkuchen, rühre mir Eischneekleber zusammen und bastle, was das Zeug hält. Besonders viel Mühe gebe ich mir mit den Zuckerperlen, die das ganze Haus schmücken. Zusätzlich verziere ich das Dach noch mit Marzipan. Schlussendlich bin ich voll und ganz
zufrieden und präsentiere stolz mein Lebkuchenhaus.
Was tut die Lehrerin? Ganz entsetzt schaut sie mich an und teilt mir mit, dass ihr die Struktur des Hauses nicht gefällt. Außerdem habe ich für ihren Geschmack zu viele Perlen eingebaut.
Wie würde ich nun gerne reagieren?
Am liebsten würde ich nicken, mich entschuldigen und das Haus nach ihren Wünschen verbessern. Denn zu widersprechen, bringt in diesen Fällen meist nichts. Mir gefällt das Lebkuchengebilde vielleicht so, aber Lebkuchenhäusergeschmäcker sind nun mal verschieden. Also würde ich das Haus nach ihren Vorstellungen gestalten und nicht mehr länger über ihre Kritik nachdenken.
Wie reagiere ich aber eigentlich?
Ich erspare euch die detaillierte Beschreibung von dem Knoten in meinem Bauch und verrate euch stattdessen, was in meinem Kopf zu dieser Zeit abgeht. Das kann nicht ihr Ernst sein. Weniger Perlen? Reg dich doch ab, es ist nur ein Lebkuchenhaus. Will sie, dass mein Haus das hässlichste von allen wird? Dann gefällt es ihr halt nicht, das ist doch nicht so tragisch. Am besten geigen wir ihr einmal gründlich unsere Meinung. Gib einfach nach, sie ist einfach nicht der Perlentyp.
Und was kommt aus meinem Mund?
„Sind Sie sich sicher?“
Ja genau, ich stelle erst einmal die Meinung der Lehrerin in Frage. Wenn man so darüber nachdenkt, ist das eine durchaus natürliche Reaktion. Dumm, aber natürlich. Immerhin finde ich das Lebkuchenhaus schön. Für mich ist also meine Meinung praktisch immer die richtige. Das trifft auf jeden zu. Die eigene Meinung kann eigentlich weder richtig oder falsch sein, wenn man sie objektiv betrachtet, aber ich kann sie nicht objektiv betrachten, weil ich ein Subjekt bin und genau deshalb ist meine Meinung richtig. Die Meinung der Lehrerin ist dann schlussfolgernd falsch. Das ist der Haken. Also muss ich wohl irgendwie einsehen, dass sie mein Lebkuchenhaus hässlich finden darf, wenn das ihren ehrlichen Empfindungen entspricht. Auch wenn ich das überhaupt nicht nachvollziehen kann.
Das ist der Gedanke, den ich zu durchbrechen schaffen muss. Die Herausforderung besteht darin zu akzeptieren, wie andere gewisse Dinge sehen. Dazu noch ein kleines Beispiel:
Gestern haben wir Schokofondue gemacht. (Mmmmm, allein wenn ich daran denke….) Jeder Fonduespieß hatte eine Farbe und meiner war eindeutig grün. Leider haben das alle anderen nicht so gesehen. Sie meinten er wäre gelb, was natürlich kompletter Blödsinn ist, weil er grün war. Für mich. Und ich kann die Welt nun einmal nur durch meine Augen sehen. Der Spieß ist also grün. Allerdings muss ich auch akzeptieren, dass die anderen ihm die Farbe Gelb zuordnen würden. Natürlich ist das aus meiner Sicht falsch, aber für sie eben nicht. Das widerspricht jeglicher Logik, denn wie kann ein Spieß gleichzeitig grün und gelb sein? Na ja, er kann es. Und selbst wenn alle Menschen dieser Welt diesen Spieß als gelb betrachten würden, läge ich nicht falsch. Für mich ist er ganz eindeutig grün und daran kann niemand etwas ändern.
Wenn mich also jemand kritisiert, muss ich immer bedenken, dass der andere auch nur seine eigene Meinung preisgibt, die gleich viel wert ist wie meine. Welche stimmt, kann nicht ermittelt werden. Und meist ist Kritik ja absolut nicht böse gemeint. Kritik ist eigentlich da, um uns zu helfen, damit wir uns weiterentwickeln können. Die eigenen Leistungen zu hinterfragen und noch einmal zu überdenken, sorgt dafür, dass wir uns selbst besser verstehen und das schadet nie.
Mein Rat also: Nehmt euch Kritik nicht zu sehr zu Herzen. Sie ist eine weitere Meinung, nicht mehr und nicht weniger. Im Endeffekt entscheidet ihr selbst, wie viele Perlen ihr auf eurem Lebkuchenhaus wollt. Dennoch kann euch der Kritiker einen Denkanstoß geben: Brauche ich wirklich so viele Perlen? Wäre es mit weniger nicht etwas schöner? Wenn ja, nehmt sie runter. Wenn nicht, lasst sie drauf. Und wenn der Lehrerin euer Lebkuchenhaus nicht schmeckt, soll sie sich ihr eigenes backen.
Ich hoffe, ich habe euch nicht zu viel Appetit auf leckere Kekse gemacht… Apropos, hier müssten irgendwo noch welche rumstehen…schönen 3. Adventsonntag und bis nächste Woche!




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