Die Sucht nach dem Unerreichbaren
- chiarasue

- 19. Juli 2020
- 5 Min. Lesezeit
Huch, wer hat denn an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät? Ja, heute habe ich etwas die Zeit übersehen, aber hier ist er nichtsdestotrotz: der allsonntägliche Beitrag!
Und zwar werde ich dir ein Essay präsentieren, das ich in diesem Jahr einmal zu Blatt gebracht habe. Es handelt von einem Thema, das heuer wohl viele beschäftigt: Sehnsucht. Durch die Coronakrise ist es vielen Leuten nicht möglich, ihre Familien zu besuchen oder auch einfach in den Urlaub zu fahren. Wir missen simple Teile unseres früheren Alltags wie zum Beispiel in ein Restaurant zu gehen, die wir so nicht mehr ausleben können. Also Vorhang auf für die schmerzlich sanftsüße Sehnsucht!
Die Sucht nach dem Unerreichbaren
Sehnsucht.
Ein Wort, das so nach bitterer Verzweiflung schmeckt und doch einen süßen Nachgeschmack versteckt. Ich glaube, es gibt keine Buchstabenreihung, die dieses Gefühl besser beschreiben könnte. Dieses innere Strecken nach den Träumen in deinem Kopf. Als ob ein hauchdünner Faden an deiner Brust befestigt wäre und dich unaufhörlich in eine bestimmte Richtung ziehen würde.
Aber du ignorierst den Faden, behindert er dich doch nicht in deinen täglichen Aufgaben. Der Ruf, den er Nacht für Nacht leise in dein Ohr wispert, bleibt unerhört und die einzige Möglichkeit, während der er Einfluss auf dein Leben nimmt, ist dieses dauernde Ziepen in deinem Herzen, das die traumhaftesten Bilder in deinem Kopf entstehen lässt.
Wie der Begriff „Sehnsucht“ bereits erfasst, ist dieses Gefühl eine Sucht. Ein ungestillter Hunger, der nicht von dir ablässt, wie sehr du auch versuchst, deinen tristen Alltag mit Ablenkungen vollzustopfen. Diese Sucht treibt dich immer weiter, macht dich abhängig von den Wünschen, die sich hinter deiner Stirn abspielen. Genau diesen Wünschen, die du so unbedingt zu ignorieren versuchst. Und irgendwann hältst du es nicht mehr aus. Irgendwann frisst dich die Sehnsucht auf und dann bleibt dir keine Wahl mehr, als den Schlüssel zu deinem Herzen zu suchen und dich endlich auf die Spur deiner Träume zu machen.
Der erste Teil des Wortes ist beinahe noch magischer. Sehnen. Es klingt wie dehnen. Als ob man sich irgendwie strecken und recken könnte, um zu erreichen, was man insgeheim will. Sehnen klingt nach Heim und Himmel und Wärme und Freiheit. Sehnen klingt nach etwas, was man sich nur des Nachts in kleinen Gedankenportionen gönnt, wenn es der Verstand zulässt. Während das Herz rund um die Uhr nach oben strebt.
Sehnsucht.
Die Sehnsucht wählt sich die verschiedensten Dinge als Ziel. Es kann ein Ort sein, ein Gegenstand, eine Aktivität, eine Person oder gar eine Zeit. Doch alle diese Faktoren haben stets etwas gemeinsam: Sie fehlen. Für den Moment sind sie unerreichbar und der einzige Ort, an dem wir uns ihnen zumindest ansatzweise nah fühlen können, ist unser Kopf. Denn dort liegt die Tür, die uns ermöglicht, uns im kleinsten Detail vor Augen zu führen, was wir vermissen.
Vorstellungen – sind sie Fluch oder Segen? Würden wir wohl verzweifeln, wenn wir uns nicht an die Szenen erinnern könnten, die wir herbeisehnen? Oder wären wir wunschlos glücklich? Würden die Emotionen mit den Bildern in unserem Bewusstsein verschwinden oder wäre alles, was bleibt, dieses unbestimmte Gefühl in unserer Brust, unvollständig zu sein?
Was wären wir ohne das, was uns immer gefehlt hat?
Dies fragt Dimitri Kalaschnikow in einem seiner Lieder. Die Antwort ist wie auch die Frage nicht gerade einfach. Immerhin hatten wir das, was uns immer gefehlt hat, doch sowieso nie. Was wären wir also ohne das Fehlen selbst? Der Gedanke, dass mir nichts fehlt, ist für mich unvorstellbar. In der heutigen Zeit haben die Menschen mehr als je zuvor und doch scheinen sie noch mehr zu missen. Über Internetverbindungen bis hin zu Follower auf diversen sozialen Netzwerken reicht die Liste an Dingen, die uns abgehen. Nicht zu vergessen, eines der wertvollsten Güter: Zeit.
Sehnsucht.
Ich denke, dass dem Menschen immer etwas fehlen wird. Der Zustand vollkommener Zufriedenheit ist wohl der seltenste überhaupt und wenn der Hunger nach mehr doch einmal sein Maul schließen sollte, ist dies nicht von langer Dauer.
Auch wenn dieser Hunger in den letzten Jahren etwas übersteigert wurde, halte ich es für wichtig, dass er existiert. Ich bezweifle, dass ich glücklich wäre, wenn mir nichts fehlen würde. Was wären meine Ziele? Wonach würde ich streben? Mich nie nach etwas sehnen? Der Gedanke lässt einen fahlen Nachgeschmack zurück, von dem zu kosten ich vorziehen würde zu verzichten.
Ähnlich sieht das wohl auch Robert Browning, von dem folgendes Zitat stammt:
Unsere Sehnsüchte sind unsere Möglichkeiten.
Sehnsüchte sind doch in gewissem Sinne auch Wünsche. Vorstellungen, die wir aus unseren Köpfen ziehen und wahrmachen wollen. In genau diesem Moment ist das nicht möglich, wie ich bereits erwähnt habe. Die Zukunft jedoch ist ein ungeschriebenes Buch und unsere Sehnsüchte sind die Wörter, mit denen wir es füllen können. Sie sind der geheime Sinn hinter all unseren Handlungen.
Sehnsucht.
Heutzutage könnte man meinen, unsere Ziele wären doch leicht in die Tat umzusetzen. Zumindest in Europa stehen den meisten Leuten alle Tore offen und sie können das Leben, das sie führen wollen, wählen. Doch sinkt deshalb die Anzahl oder gar der Wert unserer Sehnsüchte?
Ganz im Gegenteil: Ich denke, die Menge unserer Sehnsüchte hat sich vervielfacht. Wir besitzen vielleicht mehr als früher, doch bekanntlich macht Besitz ja unglücklich. Die Habgier ist ebenfalls eine Sucht. Man könnte sagen, sie ist eine gesteigerte Version der Sehnsucht. Sie verlangt nach mehr, je mehr sie bekommt. Das Wollen wird zur Gewohnheit und die eigenen Wünsche immer ausgefallener und präziser.
Früher hingegen verlangte der Großteil der Bevölkerung lediglich nach der Erfüllung seiner Grundbedürfnisse. Egal in welches andere Zeitalter der Menschheit man blickt, stellt man fest, dass damals stets die obersten Prioritäten waren, dass man ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und eine gesunde Familie hat.
Nun zum zweiten Teil der Frage: Haben aufgrunddessen unsere Sehnsüchte an Wert verloren?
Meine Antwort darauf lautet: jein. Banale Wünsche wie ein neuer Flachbildfernseher sind sicherlich nicht gleichzusetzen mit dem Bedürfnis, den Hunger einer ganzen Familie stillen zu wollen. Allerdings sind einige der Grundinstinkte der Menschen seit jeher gleichgeblieben. Sicherheit ist beispielsweise ein Privileg, nach dem man nach wie vor eifrig strebt. Zudem sollte man wohl doch eine Grenze zwischen kleine Weihnachtswünsche und Sehnsüchte stellen.
In der heutigen Zeit sehnt man sich nach Ruhe, einer Verschnaufpause oder danach, alles stehen und liegen zu lassen und zu verreisen. Wir haben mit Problemen wie Burnout, Depressionen und anderen psychischen Krankheiten zu kämpfen. Deswegen würde ich nicht zwingend sagen, dass die Sehnsüchte heute im Gegensatz zu früher an Wert verloren haben.
Kennen Sie die höchsten Gebirge?
Ich glaube, es sind die Sehnsüchte der Menschen.
Anschließend noch einige Worte zu dieser aus meiner Sicht äußerst passenden Metapher von H.C. Artmann: Die Sehnsucht ist wie ein Berg. Mächtig, steil und der Gipfel scheinbar unerreichbar. Jeder Schritt auf dem Weg hinauf ist anstrengend und doch begleitet von dem befriedigenden Gefühl, seinem Ziel nähergekommen zu sein. Je länger der Anstieg dauert, desto anstrengender wird er. Doch irgendetwas in unseren Herzen treibt uns weiter. Egal, wie weit entfernt das Ziel auch scheint. Der Mensch hat eine Schwäche dafür, Träume mit aller Kraft in die Wirklichkeit ziehen zu wollen.
Sehnsucht.
Allerdings sind nicht alle Sehnsüchte wie Berge. Es gibt auch Sehnsüchte, die nie erfüllt werden können. Wir haben besagte Situationen nie erlebt, doch ein unterbewusster Teil von uns sehnt sie beinahe schmerzhaft herbei. Es sind ebenfalls Träume, doch das Schicksal verweigert ihnen, Wirklichkeit zu werden. Diese Sehnsüchte sind endlose Abgründe. Der Gedanke an das Ersehnte stößt uns hinunter und seit er in unser Leben getreten ist, fallen wir. Endlos, während sich die Geschwindigkeit des Falls stetig steigert. In gleichem Maß wie die Sehnsucht selbst. Angst, nie wieder hinaufzukommen, überfällt uns und dennoch hält uns die winzige Hoffnung, unser Wunsch könnte sich tatsächlich erfüllen, davon ab, unsere Augen zu öffnen und zurück in die Realität zu treten. Bis uns der Aufprall manchmal schließlich erlöst und uns der listigen Illusion beraubt.
Doch ich denke, diese geheimen Sehnsüchte sind essentiell für uns Menschen. Sie sind das, was unsere Ziele baut und uns somit am Leben erhält. Das Gefühl ist mächtiger, als man es oft einschätzt. Es bewegt Menschen zu den unsinnigsten Taten. Und das ist das, was uns menschlich macht. Wir sind nicht unfehlbar, nicht unverletzbar. Doch Sehnsüchte machen auch uns stärker und in manchen Fällen kann man schlussendlich während einer wohlverdienten Pause all seine Arbeit und Anstrengungen vom Gipfel des höchsten Berges überblicken.
Sehnsucht.
Bis nächsten Mittwoch :)




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