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Familie Technig

  • Autorenbild: chiarasue
    chiarasue
  • 17. Jan. 2021
  • 4 Min. Lesezeit

Wir leben ein Leben inmitten von Technik. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mindestens drei elektronische Geräte verwenden. Zurzeit sehe bzw. treffe ich fast keine Menschen außer meiner engsten Familie. Und so langsam fallen mir Parallelen auf…


Da gibt es zum Beispiel unseren Drucker. Ich wage fast nicht, diese Zeilen zu schreiben, weil er ansonsten böse auf mich sein könnte. Aber mit etwas Glück schläft er gerade. Das tut er nämlich dauernd. Ich will etwas drucken. Fehlermeldung: Drucker ist offline. Ich schalte ihn ein, gebe erneut den Befehl zum Drucken. Fehlermeldung: Drucker befindet sich im Ruhezustand. Ich versuche verzweifelt, ihn aus dem Schlaf zu wecken. Fehlermeldung: Energiesparmodus. Dann endlich: Wird gedruckt… Es wird aber nicht gedruckt. Und wenn dann endlich mal gedruckt wird, dann auf jeden Fall einseitig verkehrt in Querformat. Genau so, wie ich es halt nicht wollte. Unverkennbar: Der Vater der Familie Technig. Dauernd schläft er. Tausendmal muss man ihn um etwas bitten und wenn er sich dann endlich dazu überreden lässt, macht er es falsch. Zur Sicherheit legt er sich dann wieder zum Energiesparen auf die Couch, damit er keinen Ärger kriegt. Oder ihm fehlt Papier (bzw. Bier), um ihn wieder zum Laufen zu bringen.


Der einzige, der ihn dazu bewegen kann, seinen Schlafplatz murrend zu verlassen, ist der Staubsauger, der vor allem durch eine Eigenschaft hervorsticht: Lärm. Wie ein Kaninchen saust er durch die Wohnung, stoßt an jedes Stuhlbein, das sich finden lässt und hebt Möbelstücke hoch in die Luft, um sie anschließend schallend wieder der Schwerkraft preiszugeben. Dabei verliert er keinen Gedanken an die Dinge, die in seinem Rüssel verschwinden. Staub, Essenreste und Holzsplitter werden gleichermaßen gefressen wie Socken, Taschentücher und die lange verschollene Halskette der Schwester. Darf ich vorstellen: der kleine Bruder.


Und da dieser so unvorsichtig und rücksichtslos durch die Wohnung saust, wirbelt er teilweise mehr Staub auf, als er aufsaugt. Die Rettung trägt in diesem Fall den Titel Oma. Oma Technig ist der beruhigend surrende Staubsaugerroboter, der gemächlich von Zimmer zu Zimmer schleicht und alles schön sauber hinterlässt. Über den kleinen Bruder schüttelt sie nur lachend die Bürsten.


Draußen im Garten findet sich Opa Technig. Genau wie seine Frau legt er ein gemächliches Tempo an, wenn er über den Rasen schlendert und das Gras zu seinem Belieben kürzt. Hin und wieder macht ihm allerdings sein Gedächtnis zu schaffen. Dann stößt er einen leisen Schrei aus, sobald ihn ein Baum überrascht, der sich in seinen Weg gestellt hat. Leider kann er seine Brille nicht mehr finden, weswegen er die hühnenhaften Riesen vor seinen Augen nur verschwommen wahrnimmt. Vielleicht sollte man einmal im Bauch des kleinen Bruders nachsehen, um Opa vor weiteren blauen Flecken zu bewahren.


Verzieht sich nun der Drucker, um dem Lärm seines Sohnes zu entgehen, muss er sich auch vor Tante Technig in Acht nehmen. Die Gute besitzt zwar keine Beine, hat aber trainiert, ihre Stimme durch das ganze Haus schallen zu lassen. Dank ihrer installierten Social Media Apps ist sie immer überall up-to-date. Die Begriffe „Privatsphäre“ und „Geheimnis“ finden sich allerdings nicht in ihren zahlreichen Übersetzern. Alles, was sie erfährt, wird sofort weitergegeben. Ihr ist egal, wer ihr zuhört: Hauptsache, sie kann ihre Nachrichten irgendwie loswerden. Eine typische Tratschtante eben.


Tante Technig ist die Schwester von Mama Technig. Leider versteht sie sich überhaupt nicht mit dem Bruder von Papa Technig: Onkel Technig. Dieser steht unglücklicherweise im selben Raum wie Tante Technig und beide streiten sich tagtäglich um die Aufmerksamkeit. Onkel Technig sitzt auf der Fensterbank und lässt durch seine Lautsprecher die neuesten Nachrichten erklingen. Er ist ein großer Fan der 80er Musik und verweilt eher in konservativer Haltung, während Tante Technig immer am neuesten Stand sein muss und keinen Sinn in Onkel Technigs altmodischen Sendungen sieht.


Unterdessen hat sich die große Schwester mit ganz anderen Problemen herumzuschlagen. Im Computer vertritt sie das Programm „Word“. Hin und wieder ist schwer mit ihr umzugehen. Vor allem wenn es darum geht, Bilder einzufügen, wehrt sie sich oft stur dagegen und verschiebt Grafiken durch das gesamte Dokument. Grundsätzlich hat sie etwas gegen Veränderungen, obwohl sie sich unglaubliche viele Datenreihen merken kann und so auch keine geringe Intelligenz aufweist. Allerdings werden ihre Nerven manchmal stark strapaziert.


Und zwar von ihrem kleinen Geschwisterlein. Baby Technig taucht in den unmöglichsten Momenten auf und verlangt kreischend nach Aufmerksamkeit. Unaufhörlich ploppt es am unteren Rand des Bildschirms auf: „Update erforderlich“. Ein paar Mal kann man es auf später vertrösten, doch irgendwann kappt sie einfach die Verbindung und setzt sich durch.


Hin und wieder verlangt die große Schwester Hilfe von der Freundin ihres Bruders: Geogebra. Für alle glücklichen Menschen da draußen, die sich jetzt fragen, was denn Geogebra sei: Es ist ein mathematisches Programm, mit dem man Funktionen, Figuren und eigentlich alles zeichnen und Formeln lösen kann. Ein mathematisches Wunderwerk. Genial. Das einzige Problem: Sie ist unglaublich eigensinnig. Wenn sie gerade nicht in bester Stimmung ist, verweigert sie jede Zusammenarbeit „Überprüfen Sie bitte Ihre Eingabe“. Fragt man sie, ob sie sauer sei, verneint sie natürlich. Erkundigt man sich nach dem Problem, bekommt man nur ein patziges „Überprüfen Sie bitte Ihre Eingabe“ zurück. Und das ganze Spiel wiederholt sich so lange, bis man es geschafft hat, sie durch die richtige Eingabe (am besten mit unzähligen Klammern) zu beruhigen.


Hat man das geschafft, macht man sich meist auf den Weg in die Küche zu dem zweiten Onkel Technig (dem Mann von Tante Technig). Um seiner Frau zu entkommen, hat es sich dieser in der Küche bequem gemacht. Leider ist das nicht gerade sein Spezialgebiet. Als Toaster ist es seine Aufgabe, den Toast perfekt anzubraten, so dass der Käse geschmolzen, aber das Brot noch nicht verbrannt ist. Was soll man sagen: Vermutlich durch die Ehe mit Tante Technig ist der arme psychisch etwas angeschlagen und schafft es nie, den richtigen Toastgrad zu erwischen. Aber wer weiß: Übung macht ja bekanntlich den Meister.


Schlussendlich kommen wir zu derjenigen, die keinerlei Übung mehr bedarf: Mama Technig. Schmutzig und deprimiert kommt man zu ihr und erzählt ihr von den eigenen Sorgen, während sie dich wieder aufpoliert. Jeder, der bei ihr war, strahlt anschließend von innen heraus und seine Augen funkeln. Die Waschmaschine ist und bleibt eben das Glied, das alle aus Familie Technig zusammenhält. Unentbehrlich. Noch dazu riecht sie so gut. Die ganze Familie ist sich einig: Auf Mama Technig können sie nicht verzichten.


Das ist sie also: Familie Technig. Allgegenwärtig. Und jetzt versuche ich mich einmal, von Tante Technig zu lösen. Die Freundin wartet auf mich. Nächste Woche habe ich Matheschularbeit. Wünscht mir Glück! Bis dann ;)


P.S: Alle Figuren der Familie Technig sind frei erfunden und jegliche Ähnlichkeiten mit realen Persönlichkeiten sind durch reinen Zufall entstanden!


 
 
 

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