Nicht genügend
- chiarasue

- 24. Jan. 2021
- 3 Min. Lesezeit
Hallo alle zusammen!
Ich hoffe, ihr habt euch vom Titel nicht abschrecken lassen. Diese zwei Wörter gehören wohl zu denen, die niemand von uns gerne liest. Sie implizieren, nicht genug zu sein, zu wenig geleistet zu haben, zu schlecht zu sein. Und das Gefühl gehört zu den deprimierendsten überhaupt. Aus meiner Sicht zumindest.
Allerdings verstehe ich natürlich, dass es ein Benotungssystem braucht, um unser Schulsystem am Laufen zu halten. Es dient doch eigentlich dazu, herauszufinden, wer noch nicht alles verstanden hat und diejenigen dann zu unterstützen. Das wäre zumindest der positive Gedanke dahinter. In einem Gebiet geht für mich diese Logik aber nicht ganz auf: Literatur.
Literatur gehört zu den Künsten. Und Kunst kann man nicht bewerten. Natürlich gibt es zahlreiche Kritiker, die denken, sie wären dazu fähig, aber eigentlich präsentieren auch sie nur ihre Meinung. Zum Thema Kunst und somit auch in der Literatur gibt es kein "Richtig" oder "Falsch". Nicht einmal, wenn etwas falsch geschrieben ist, denn dies kann wieder als Stilmittel eingesetzt werden.
Ich will mich jetzt hier aber auch nicht als unschuldiger Engel auf diesem Gebiet darstellen. Auch ich verurteile, kritisiere (und das nicht wenig) und mache mich über Texte lustig. Aber egal, was ich auch sage, es wird nie der generellen Wahrheit entsprechen, sondern nur meiner eigenen. Ich persönlich empfinde den Text vielleicht als miserabel, andere würden ihn ohne zu zögern auszeichnen. Geschmäcker sind eben verschieden. Das, was die Mehrheit als gut erachtet, wird dann in den meisten Fällen auch objektiv als gut betrachtet. Ist das gerecht? "Stimmt" es? Aus meiner Sicht nicht.
Und das ist der Grund, warum ich nie Deutschlehrerin werden könnte. Wie soll ich den Text von meinen SchülerInnen bewerten, wenn es doch Ansichtssache ist, ob ein gewisser Ausdruck gut oder schlecht ist? Mein Gegenüber könnte problemlos dagegen argumentieren und einwerfen, dass das sein Ausdruck der Kunst und ein Stilmittel ist. Kann ich etwas dagegen sagen? Eigentlich nein. Müsste ich es? Ja! (Na gut, wenn es sich jetzt um zahlreiche Rechtschreibfehler handelt, die zu 99% nicht gewollt gesetzt sind, würde es mir nicht so schwer fallen, einen Rotstift in die Hand zu nehmen, aber es geht ums Prinzip!)
Dennoch werden unsere Texte laufend bewertet. Und jetzt stell dir ein kleines Mädchen vor, dass vielleicht kein Talent zum Schreiben hat (wobei dies natürlich wieder Ansichtssache ist) und in der Schule voller Stolz seinen Text präsentiert. Von der Lehrerin wird er nur kritisiert, die SchülerInnen steigen darauf ein und lachen es aus. Wie wird es sich fühlen? Selbstverständlich wäre es gekränkt und enttäuscht und vielleicht legt es den Stift für immer weg, obwohl es ihm großen Spaß gemacht hat zu schreiben. Kunst ist nicht nur da, um sie zu präsentieren. Sie macht auch etwas mit uns selbst. Sie hilft, heilt, verletzt und versteht. Und solange mir das Schreiben etwas gibt, muss es niemandem sonst gefallen. Das ist leichter gesagt als getan, aber ein wichtiger Grundsatz.
In meinem Fall verhält es sich ähnlich mit dem Singen. Ich kann nicht GUT singen, aber ich KANN singen. Und ich tue es auch. Zumindest wenn mich niemand hört. (Oder wenn ich in Chor einen Arbeitsauftrag einschicken muss, aber das ist eine andere (Horror)Geschichte.) Und ich mag es zu singen. Ich muss niemanden damit verzaubern, aber mit selbst tut es gut und das ist das Schöne daran.
Was will ich also mit all dem bezwecken? Jeden zum Schreiben bewegen? Nein. Das Schulsystem revolutionären? Eventuell, aber dieses Projekt hat einige dringlichere Baustellen. Verhindern, dass man die Kunst von anderen vorschnell verurteilt? Genau! Manchmal ist Kritik hilfreich, manchmal verletzt sie und lässt bleibende Schäden zurück. Außerdem sollte man sich bewusst sein, dass es im Bereich der Kunst und der Literatur kein "Richtig" und kein "Falsch" gibt, nur eine eigene Sichtweise. Und vielleicht gilt das nicht nur für die Kunst...
Ich wünsche euch einen schönen, sonnigen Sonntag! Wir hören uns wieder in einer Woche ;)




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