Wie das Vergissmeinnicht zu seinem Namen kam
- chiarasue

- 24. Mai 2020
- 3 Min. Lesezeit
Auf der Wiese vor meinem Zimmerfenster blüht ein gelbes Meer aus Löwenzahn. Der hat mich heute an eine Geschichte erinnert, die ich vor drei Jahren geschrieben habe. Damals war ich 14, was auch am Schreibstil zu erkennen ist. Dennoch wollte ich sie heute gerne mit dir teilen :)
Wie das Vergissmeinnicht zu seinem Namen kam
Es war eine alte Tradition, dass jede Blume sich ihren Namen erst verdienen musste. So wuchsen viele, unzählige namenlose Blumen auf ihren Wiesen, die mit jedem Tag weniger wurden. Das Vergissmeinnicht war unter den letzten, die ihren Namen erhielten. Bis dahin war es von allen anderen Pflanzen nur die kleine Blume genannt worden. Doch dies sollte sich ändern.
Es störte die kleine Blume nicht, dass sie namenlos war, was der Löwenzahn, im Gegensatz zu ihr, gar nicht verstehen konnte. Er wuchs direkt neben der kleinen Blume auf einer großen Wiese neben einem Wasserfall. Seit sie Knospen waren, verband die beiden eine enge Freundschaft und sie kannten sich so gut, dass sie an der Haltung des Stängels erkennen konnten, wie es dem anderen ging. Im Frühling hatte der Löwenzahn einen Marienkäfer mithilfe seiner großen Blätter aus einer Pfütze gerettet und dank seiner sonnengelben Blüten, die einer Mähne glichen und seinem Mut hatte er sich den Namen „Löwenzahn“ verdient.
Er war voller Entdeckerlust und von dem innersten Wunsch beseelt, die Welt zu erkunden. Er wollte mehr sehen, als immer nur die gleichen, grünen Grashalme und den rauschenden Wasserfall. Und auch, wenn sich die kleine Blume mit ihrer kleinen Welt begnügte, genoss sie doch die herrlichen Schwärmereien und Erzählungen über des Löwenzahns Vorstellung der Welt außerhalb der Wiese.
Die Tage vergingen und der Sommer flog vorbei. Und während all dieser Zeit empfand die kleine Blume immer mehr für ihren besten Freund, den Löwenzahn. Sie bewunderte seinen Mut und bestaunte seine Neugierde. Kurz gesagt: Die unscheinbare, kleine Blume verliebte sich in den stolzen, abenteuerlustigen Löwenzahn und ihre Liebe wuchs mit jedem Tag und jeder Geschichte, die er erzählte.
Doch eines Tages verfärbten sich die strahlend gelben Blütenblätter des Löwenzahns und seine stolze Mähne ergraute. „Was passiert mit dir, Löwenzahn?“, fragte die kleine Blume, voller Sorge um ihren geliebten Freund.
„Hab keine Angst. Ich spüre, dass sich etwas verändert, kleine Blume. Es wird etwas Großartiges passieren“, prophezeite der Löwenzahn voller Zuversicht.
Und plötzlich löste sich eines seiner grauen Blütenblätter und ritt jubelnd mit dem Wind davon. Die kleine Blume sah es hinter einem Baum verschwinden.
Tag für Tag flogen mehr Samen davon und erkundeten die Welt. Der Wunsch des Löwenzahns ging tatsächlich in Erfüllung.
So geschah es, dass eines Tages nur noch ein einziges Blütenblatt auf dem vertrockneten Stängel des Löwenzahns vergnügt im Wind schaukelte. Doch seine Freude wurde getrübt, da er die kleine Blume nun ganz verlassen musste. „Ach, liebe kleine Blume, heute werde ich endgültig gehen. Es zerreißt mir das Herz, doch ich werde bis zum Horizont fliegen und dich zurücklassen müssen. Ich werde dich schrecklich vermissen, aber ich kann den Lauf der Natur nicht ändern.“
Die kleine Blume war erfüllt von Trauer und ihre dunklen Tränen ließen ihre blauen Blütenblätter heller denn je erstrahlen. Doch sie sah ein, dass sie den Freund ziehen lassen musste und wusste, dass er glücklich sein würde. Und so sprach die kleine Blume: „Lieber Löwenzahn, nur ungern lasse ich dich fliegen, aber ich hoffe, dass du nun endlich alle Winkel der Welt entdecken kannst und dein Wunsch in Erfüllung geht. Doch bitte versprich mir nur eines: Auf deinen vielen Reisen, vergiss mein nicht.“
Der Löwenzahn erstrahlte trotz seiner mausgrauen Farbe. „Ich verspreche es und auch die restliche Welt soll von dir erfahren, so wirst du immer bei mir sein, mein geliebtes Vergissmeinnicht.“
Und so flog der Löwenzahn davon und trug den Namen der kleinen Blume in die Welt hinaus. Er vergaß das Vergissmeinnicht nie, genauso wie dieses jeden Tag an seinen geliebten Freund zurückdachte.
So, nun wissen wir also, warum das Vergissmeinnicht heißt, wie es heißt. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und bis nächsten Mittwoch!




Kommentare