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Zu spät

  • Autorenbild: chiarasue
    chiarasue
  • 27. Dez. 2020
  • 5 Min. Lesezeit

Wunderschönen guten Weihnachtsmorgen!

(Na gut, streng genommen ist heute gar kein Weihnachtsmorgen mehr, aber wir wollen das mal nicht so eng sehen ;))

Ich hoffe, ihr hattet alle ein tolles Fest und konntet die Zeit genießen. Heute wollte ich eine Kurzgeschichte mit euch teilen, die ich erst gestern geschrieben habe. Eigentlich sollte sie eine fröhliche, liebe Geschichte werden, aber das hat irgendwie nicht so funktioniert...na ja, die negativen Emotionen müssen eben auch gelebt werden ;)

Mehr werde ich dazu gar nicht sagen. Viel Spaß beim Lesen!


Zu spät


Einsam und allein trudelte eine einzelne Schneeflocke am Fenster vorüber. Stumm verfolgte er sie mit seinen Augen. Mit rund 140 km/h raste er über die Autobahn, doch die Flocke sah er merkwürdigerweise ganz genau. Wie in Zeitlupe glitt sie durch sein Blickfeld, bis sie schließlich von der Geschwindigkeit verschluckt wurde. Vermutlich würde ein Scheibenwischer hinter ihm ihr zum endgültigen Verhängnis.


Stirnrunzelnd dachte er an die Jahre zurück, als zu dieser Zeit des Jahres Massen an Schneeflocken vom Himmel gerieselt waren. Man hatte ja kaum die eigene Hand vor Augen gesehen, wenn man das Haus verlassen hatte. Viel hatte sich seitdem verändert. Viel, dass er bitter bereut hatte.


Plötzlich bremste vor ihm ein Auto scharf ab. Von den roten Lichtern wurde er ruckartig aus seiner Starre gerissen und musste sich konzentrieren, um keinen Auffahrunfall zu verursachen. Wenige Meter vor seinem Vordermann kam er schließlich zu stehen. Er musste besser aufpassen. Er durfte sich nicht ablenken lassen. Vor allem nicht von der Vergangenheit. Die war lange vorbei. Und doch war er gerade dabei, alles wieder neu aufzurollen.


Er erinnerte sich noch genau an die Nacht, als er eine Entscheidung getroffen hatte, die Leben zerstört hatte. Ein Schneesturm hatte über seiner Heimatstadt getobt gleich einem Orkan. Schon allein deswegen war es eine dumme Idee gewesen, sie zu verlassen. Doch er hatte gar nicht daran gedacht zu bleiben. Ein Schrei hatte genügt und er war ins Auto gestiegen und hatte seinem alten Leben den Rücken zugedreht. Damals war er der festen Überzeugung gewesen, dass es feig gewesen wäre, dort zu bleiben. Er hatte für sein Leben und sein Glück kämpfen wollen. Er hatte stark sein wollen. In dem Glauben, die feige Seite in ihm endgültig besiegt zu haben, war er nur immer weiter in sie hineingetrudelt. Blind für das, was wirklich wichtig war.


Ein Stau. Auch das noch. Nervös trommelten seine Finger auf die gummiartige Verkleidung seines Lenkrads. Dumpf traf seine Haut auf. Beinahe wie Regentropfen. Er versuchte, den Impuls zu unterdrücken, einen Blick auf die digitale Uhr am Bordcomputer zu werfen, doch er schaffte es nicht. Viertel vor 9. Zu spät. Er würde zu spät kommen. 10 Jahre zu spät.

Viele würden behaupten, er hätte keine Sekunde an sie gedacht, aber das stimmte nicht. Er hatte sich nur eingeredet, dass sie ohne ihn besser dran wäre. Jedes Mal, wenn ihn seine innere Stimme zurückgerufen hatte, hatte er sie als schwach abgetan und war fester auf das Gaspedal getreten. Viel zu schnell war er gerast. Nichts hätte ihn aufhalten können. Höchsten ein Unfall. Aber da war niemand. Niemand, der sich ihm in den Weg gestellt hätte. Er hatte dies als Zeichen genommen. Er hatte das Richtige getan.


Stumm beobachtete er, wie sich die Autoschlange vor ihm langsam wieder in Bewegung setzte. Ungeduldig legte er den ersten Gang ein und wartete, bis er an der Reihe war, seinen Motor aufheulen zu lassen.


Er hatte schon immer von diesem Sportwagen geträumt. Schon damals, als er noch mit einem breiten Grinsen neben ihr im Bett gelegen hatte. Er hatte ihn ihr genau beschrieben. Die Marke, die Form, den Motor. Sie hatte ihn nicht ausgelacht. Sie hatte ihm schweigend zugehört. Damals hatte er nicht gewusst, dass er nie beides würde haben können. Also hatte er sie zurückgelassen.


Ausgerechnet jetzt musste er an ihr Gesicht denken. Das Funkeln in ihren Augen, wenn sie erzählte. Die kleinen Fältchen auf ihren Wangen, die ihrem Lachen seinen Glanz verliehen. Mit einem Stich erinnerte er sich an diese sanfte Hoffnung in ihrem Blick, als sie es ihm erzählt hatte. Erst viele Jahre später hatte er begriffen, dass es auch ein Hilferuf gewesen war. Sie hatte ihn nie gebeten zu bleiben.


Endlich kam wieder etwas Fluss in den Verkehr. Wo fuhren die Menschen an Heiligabend denn nur alle hin? Zu ihren Familien. Es war die Antwort, die ihn jedes Jahr zu dieser Zeit gequält hatte. Er wusste, dass sie von seinen Eltern aufgenommen worden war. Damals war er der Überzeugung gewesen, dass sie daran schuld war, dass er seine Familie nicht mehr sehen konnte. Heute Morgen hatte er begriffen. Es war seine Schuld. Alles.


Sie hatte Angst gehabt. Riesige Angst. Es wäre seine Aufgabe gewesen, sie ihr zu nehmen. Sie im Arm zu halten. Stattdessen hatte er sich umgedreht und war gegangen. Er hatte sich eingeredet, dass sie das schon irgendwie schaffen würden. Er hatte es ignoriert. Er hatte sich beschäftigt. Als es dann schließlich so weit war, hatte er es nicht einmal über sich gebracht, ins Krankenhaus zu fahren.


Seine Hände begannen zu schwitzen, als er in die Einfahrt bog. Funkelnde Lichterketten zierten die Bäume zu beiden Seiten des Weges. Ein selbst geflochtener Kranz aus Tannenzweigen hing über der Tür. Aus den Fenstern im oberen Stock drang Licht. Gedämpft vernahm er Weihnachtsmusik. Der Lieblingssong seines Vaters. Tränen traten in seine Augen.


Sie hatte Verständnis gehabt. Es sei ganz gewöhnlich, dass er sich erst an die neue Situation gewöhnen müsse. Den Schmerz in ihren Augen hatte er nicht gesehen. Nicht sehen wollen. Er hatte siebeneinhalb Monate Zeit gehabt. Nun war es zu spät. Er hatte es mit der Angst zu tun bekommen. Er hatte sie gesehen. Mit dem kleinen Knäuel im Arm. Er hatte es nie als ihr gemeinsames Kind betrachtet. Es war ihr Kind gewesen. Ganz allein ihres.


Das vertraute Geräusch der Haustürklingel erklang auf der anderen Seite der Wand. Er hatte nichts vergessen. Kein bisschen. Seine Mutter öffnete. Überrascht schlug sie ihre Hände vor den Mund. Unglauben stand in ihr Gesicht geschrieben.


„Sonja?“, erklang ein fragender Ruf hinter ihr.


Sie antwortete nicht. Er auch nicht. Ihre Stimme überrollte ihn gleich einem Sturm. Schlimmer als jener, der ihn überfallen hatte, als er dieses Haus das letzte Mal gesehen hatte.


Wenige Sekunden später trat sie in seine Sichtweite. Um ihre schlanke Gestalt spannte sich ein elegantes, dunkles Kleid. Ihre Lippen hatten sich zu einem erstaunten „Oh“ geöffnet. Die blonden Locken umrahmten ihr Gesicht gleich einem Heiligenschein.

Mit einem Schlag wurde ihm in vollem Ausmaß klar, was er getan hatte.


Schluchzend brach er an der Schwelle seines Elternhauses zusammen.


Und dennoch wusste er irgendwie, dass alles wieder gut werden konnte. Es war noch nicht zu spät. Es war nie zu spät.


Und so verbrachte er das erste Mal seit zehn Jahren Weihnachten wieder bei seiner Familie.



Genau...so viel also zur aufheiternden Weihnachtsgeschichte. Aber immerhin gibt es ein Happy End! Und obwohl sie etwas bedrückend ist, mag ich die Geschichte doch sehr gerne. Ich verspreche, nächste Woche wird es wieder etwas fröhlicher ;) Bis dann!



 
 
 

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